Mein Künstleratelier

Sämtliche Bilder, Grafiken und literarischen Texte unterliegen dem Urheberrecht von Sybille Liebsch

Orakulum (vorläufiger Titel)

 

[…]

 

Kapitel 2:

Sir Rainod und Lord Maren ritten langsam auf die Menschenmenge zu, die sich am Rand des Dorfes versammelt hatte. Die Bewohner vergnügten sich auf dem Jahrmarkt, den umherziehende Zigeuner errichtet hatten. Knapp ein dutzend bunter Zelte standen im Kreis um einen Mittelplatz mit kleiner Holzbühne, auf der Musikanten spielten und eine junge Frau sang und tanzte. Ganz am Rand standen vier Planwagen, zwei Esel und drei Mulis, die vor sich hin dösten. Die Dorfbewohner feierten ausgelassen, tanzten im Takt und prosteten sich gegenseitig zu. Es herrschte eine freudige Stimmung. Die beiden Reiter passten so gar nicht dazu.

Als der Erste die beiden entdeckte, ging ein Raunen durch die Menge. Alle blickten sie stumm an. Zwischen Argwohn, Angst und Neugier kam alles zum Erliegen. Selbst die Musikanten stoppten ihr Spiel. Nur die junge Sängerin weigerte sich ihr Lied zu unterbrechen. Rainod musterte das schlanke zarte Wesen mit der schneeweißen Haut, der dunkelbraunen Mähne und dem kunterbuntem Kleid. Sie gefiel ihm. Mehr würde er sich nicht eingestehen.

Lord Maren ergriff das Wort: “Wer ist das Oberhaupt der Zigeuner?”

Ein kleiner pummeliger Mann mit Glatze und fettigen Fingern kam zitternd auf sie zu. Er trug wie alle Zigeuner Sachen in leuchtend bunten Farben und massenweise Schmuck. Sein dicker Bauch lugte unter dem Hemdsaum hervor. “Ich stehe zu ihren Diensten, Mylord.”

Maren war doch immer wieder erstaunt, wie tief man sich verbeugen konnte. “Ich bin auf der Suche nach der Seherin Dolorna. Man hat mir gesagt, sie wäre hier.”

Der kleine Dicke zitterte heftiger und brach in Schweiss aus. Die Sängerin beendete ihren letzten Akkord und begann dann die Fremden zu mustern. Ihr Blick traf Rainods eisblaue Augen und schien sich in sein Innerstes zu bohren. Er riss seinen Blick von ihr los und zwang sich die Menge zu beobachten. Er hörte, wie sie die Musikanten aufforderte weiter zu spielen.

Der glatzköpfige Dicke begann zu stottern. “Sie....sie....ist...”

Dann stand die Schöne plötzlich vor ihnen. “Folgt mir, edle Herren.” Und eilte gleich darauf voran.

Rainod und Maren sahen sich kurz fragend an, stiegen dann von ihren Pferden und folgten ihr.

Die Zither begann erneut zu spielen.

Vor einem purpurnen Zelt blieben sie stehen. Die junge Frau öffnete die Klappe und winkte sie hinein, bevor sie im Inneren verschwand.

Die beiden Männer banden ihre Pferde an und Rainod ging als erstes um seinen Freund und Herrn vor einer möglichen Gefahr zu schützen.

Innen lagen unzählige bunte schwere Kissen und Decken auf dem Boden. Sachen lagen verstreut. In der Mitte stand ein kleiner knie hoher rechteckiger Tisch mit zwei brennenden Kerzen und einem Stapel Karten.

Die Sängerin holte eine Karaffe Wein und drei Kelche und bat ihre Gäste sich zu setzen. Sie reichte ihnen einen Schluck von dem roten Getränk und stellte eine Schale mit Keksen auf den Tisch.

“Vielen Dank. Wie lange müssen wir auf die Seherin warten?”

“Das kommt darauf an, was ihr sucht. Ich werde selten den Erwartungen gerecht.”

“Ihr? ...könnt unmöglich Dalorna sein.”

“So?”

“Ihr seid zu jung.”

“Warum?”

“Weil Dalorna seit 20 Jahren die berühmteste Seherin des Festlandes ist. Und ihr könnt unmöglich.... Ihr seid zu jung.”

“Die Gabe ist angeboren. Wir Seher haben sie seitdem wir auf der Welt sind, aber anfangs fehlt uns das Wissen die Bilder zu verstehen und die Sprache sie auszudrücken. Das Alter eines Sehers ist unerheblich.”

“Nun dann wisst ihr sicherlich, warum wir hier sind.”

“In der Regel möchte man, dass ich die Zukunft voraussage.”

“Ein bißchen genauer könnte es schon sein.”

“Ich bin Seherin, nicht allwissend.”

Rainod schnalzte mit der Zunge.

Dalorna nahm die Karten in ihre Hände.

“Wie wird der Krieg verlaufen?”

Sie begann zu mischen. “Kampf führt zu Gewalt, Gewalt zu Blut und Blut zu Leid.”

“Dazu brauche ich keine Seherin.”

“Die Zukunft ist wankelmütig und weitschweifig. Für eine klare Antwort ist zunächst eine klare Frage erforderlich.”

“Werden wir in den Schzenar-Bergen gewinnen?”

“Im Krieg gewinnt niemand.”

“Hört auf mit mir zu spielen. Ich habe mehrere Meilen Umweg in Kauf genommen um euch zu treffen.”

“Das war unnötig. Wir wären uns ohnehin begegnet.”

“Wie meint ihr das? Hat Wallgar Recht? Bin ich doch der ...”

“Meint ihr, dass ihr der auserwählte Retter seid?”

Maren überlegte eine Weile. “Eigentlich nicht.”

“Genau wie euer Begleiter seid ihr außergewöhnlich. Das Schicksal hat euch beiden grosse Aufgaben ausersehen. Aber beide scheint ihr auf etwas zu warten.”

“Zu warten? Auf was?”

Sie zuckte die Achseln. “Auf ein weiteres Leben vielleicht. Wer weiss.”

Rainod schnalzte wieder spöttisch mit der Zunge und vermied es ihr direkt in die Augen zu sehen.

“Glaubt ihr nicht an die Wiedergeburt, edler Ritter?”

“Nein.”

“Warum nicht?”

“Versucht ihr mich zu bekehren? Funktioniert eure Macht nicht mit einem Ungläubigen im Raum?”

Sie lächelte. “Ich bin keine Geisterbeschwörerin, wie sie es bei jeder Gauklertruppe gibt. Ich halte keine Seancen ab.”

“Ich glaube an die Macht des Schwertes. Jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand.”

“Da bin ich durchaus eurer Meinung.”

“Dann wäre eure Gabe überflüssig.”

“Solange Menschen Angst vor dem Ungewissen haben, werde ich etwas zu essen haben.”

“Gott lobe den Pöbel.”

“Rainod zügle dich.”

“Verzeihung, Herr. Ich vergass.”

“Sagt mir, Seherin.(…) “

 

[…]

Home

Biografie

Mein Angebot

Malerei

Schreibwerkstatt

AGB

Impressum

Schreibwerkstatt - Romane