Mein Künstleratelier

Sämtliche Bilder, Grafiken und literarischen Texte unterliegen dem Urheberrecht von Sybille Liebsch

Gegen den Bannkristall

 

[…]

 

Kapitel2:

Anon stand auf der Außenmauer der inneren Verteidigungslinie. Die braunen Spitzen seines sonst blonden Haares kräuselten sich im Wind. Er beobachtete die seltsame Szenerie. Etwa zwei Dutzend Soldaten folgten dem Kundschafter und dem Hohepriester quer durch die Stadt. Vor der schwarzen Zitadelle wurden sie vom Rat empfangen. Sie unterhielten sich. Anon hatte nicht erwartet, dass ein Gespräch irgend einen Erfolg hatte. Zu oft hatte er dies im Audienzsaal des Königs versucht, aber nur gegen eine Wand geredet.

Dann schien es vorbei zu sein. Die Magier wandten sich zum gehen, aber der Hohepriester hielt sie auf. Mit einem fremdartigen Zauber traf er die Erzmagierin. Dann stürmten die Soldaten in die Zitadelle und holten die übrigen Insassen heraus.

Danach ging alles sehr schnell. Die Erzmagierin war aus ihrer Starre erwacht und befreite sich aus Zotors Gewalt. Sie schlug sich zu den anderen Magiern durch und befreite diese von ihren Fesseln. Mehrere Bogenschützen ließen ihre Sehnen los. Die Ratsmagier begannen Zauber zu weben. Feuerbälle schmolzen die Pfeile. Lianen wandten sich um die Waden der Soldaten. Der Kundgeber versuchte zu fliehen, wurde aber von einem Pfeil getroffen und ging zu Boden. Der Hohepriester brachte sich in sichere Entfernung. Die Jungmagier liefen schreiend in die Zitadelle zurück. Währenddessen brach der Kampf zwischen den Soldaten und den Magiern erst richtig aus. Die Wachen waren im Nahkampf im Vorteil und sie nutzten ihn. Der alte Magier war längst von einem Schwert durchbohrt worden. Seltsamerweise führte die Erzmagierin keinen Zauber aus. Sie hieb wie eine Besessene auf die Angreifer ein. Ob das Gerücht von dem gefundenen Bannkristall stimmte? Hatte er das gesehen? Er hoffte es nicht, denn damit hätten die dunklen Priester eine unglaubliche Waffe in ihren Händen. Und als nächstes würden sie sich offen gegen ihn und seine Gilde stellen. Dagegen musste er etwas tun.

Inzwischen brachen seltsame Zauber aus der Dunkelheit und bedrängten die übrigen Magier zusätzlich. Anon erkannte Priester in engen Gassen, die fremdartige Artefakte benutzten. Weitere Zauberer gingen zu Boden. Und die Erzmagierin tat noch immer nichts.

Plötzlich begann die schwarze Zitadelle zu brennen. Binnen von Sekunden stand sie lichterloh in Flammen. Welche Art von Zauber war das denn? Die Magier blickten geschockt auf ihr Zuhause. Einige versuchten das Feuer zu löschen, aber ohne Erfolg. Sie brachten nur ihre Verteidigungslinie ins Wanken. Der Turm war verloren. Anon war betrübt über die vielen hilflosen Menschen, die jetzt in dem Gebäude verbrannten.

Die Schwarzen schienen ihr Heim endgültig auf zu geben. Sie flüchteten in alle Richtungen. Die Zauber folgten ihnen, mähten sie rücklings nieder. Die Erzmagierin war eine der letzten, die den Platz verließen. Die Mehrheit der Soldaten folgten ihr und den zwei Ratszauberern. Der Mann drehte sich um und webte einen Feuerzauber. Er traf die vorderste Angreiferfront bevor ihn ein Pfeil zu Boden riss.

Eine Wand aus Zaubern wollte die beiden Frauen einsperren, aber die ältere Frau rief schwarzen Nebel, der die Barriere einfach wegfegte. Dann wandte er sich den Angreifern zu. Leider musste sie zum Zaubern stehen bleiben, während die Erzmagierin weiter in Richtung der inneren Verteidigungsmauer lief.

Die magische Gegenwehr erlosch als ein Schwert den Bauch der ältere Zauberin durchstieß.

Jetzt war die junge Frau auf sich allein gestellt. Offensichtlich war sie aus irgend einem Grund nicht in der Lage sich magisch zu wehren. Er musste wissen warum. Und der Hohepriester würde ihm das sicher nicht sagen.

Anon verließ seinen Posten. Er lief die Treppe nach unten und weiter durch das Tor. Er schätzte ungefähr ihre Richtung ab und eilte ihr entgegen. Unter einem überdachten Bogen hielt er sich im Dunkeln. Seine weichen Lederstiefel verursachten kaum Geräusche. Er hörte sie bevor er sie um die Ecke biegen sah. Die Erzmagierin wurde langsamer. Sie atmete viel zu schnell. Lange würde sie die Flucht nicht mehr durchhalten.

Die junge Frau stolperte über einen Pflasterstein und stürzte. Nach einem Blick zurück, raffte sie sich wieder auf und lief an den Bogengängen vorbei.

Die Soldaten werden sie nicht bekommen, dafür würde er sorgen.

Aus der Dunkelheit streckte er seine Arme aus, ergriff sie und zog sie eng an sich, damit sie sich nicht wehren konnte. Dann rief er einen Schlafzauber. Wenig später fiel sie in seinen Armen zusammen. 

Unter einem Tarnzauber und mithilfe der Dunkelheit verbarg er sie beide vor dem nachkommenden Trupp. Priester waren glücklicherweise keine dabei. Sie hätten ihn womöglich gespürt.

Bei der ersten Gelegenheit verließ Anon das Versteck und nahm sie mit sich.

 

Eliya dämmerte nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Sie fühlte weiche Kissen unter ihrem Körper. Etwas mühsam öffnete sie die Augen. Helles Sonnenlicht strahlte durch das hohe Fenster. Sie versuchte sich auf zu setzen. Ihr Kopf dröhnte. Das Zimmer drehte sich. Der Schlafzauber hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Eliya verfluchte ihre Lage.

Nachdem im Raum alles wieder seinen Platz eingenommen hatte, blickte sie sich um. Sie lag in einem recht großen Bett mit weichen Leinenbezug und vielen Kissen. Neben ihr standen zwei Nachttische, einer mit Büchern überfüllt, der andere schien nicht benutzt zu werden. An der rechten Wand stand ein massiver Kleiderschrank aus Eichenholz, daneben lag die einzige Tür. Die Wand ihr gegenüber füllten einige Regale mit weiteren Büchern, Schriftrollen und seltsamen Gegenständen. Dazwischen hingen kleinere Gemälde. In der Ecke stand ein unordentlicher Schreibtisch. Neben dem Tintenfass lagen mehrere Federn verstreut. Dutzende Schriftrollen stapelten sich neben einer Glasschale mit Bonbons, einer Weinkaraffe und weiteren Büchern. Ein Leuchter stand dazwischen.  Eine runtergebrannte Kerze hatte Wachsflecken auf der Schreibplatte hinterlassen.

Zu ihrer Linken lag das große Fenster. Vom Boden bis zur Decke flutete die Sonne hindurch.

Vorsichtig um ihren Kopf nicht zu überanstrengen stand sie auf. Ihre nackten Füße strichen über den weichen Wollvorleger. Ihre Stiefel waren nicht da. Ihre Robe ebenso wenig. Sie trug nur noch ihr hellblaues Unterkleid. Sie griff zum Kleiderschrank und öffnete ihn. Weiße Roben, Hosen, Hemden, alles einige Nummern zu groß. Weiße Roben, die trugen nur weiße Magier. Aber was sollte sie hier? Eliya griff zur Tür. Verschlossen. Das hatte sie sich gedacht.

Sie tapste weiter bis zum Fenster und späte in die Morgensonne. Ihr Zimmer befand sich sehr weit oben. Von hier aus konnte sie über die Grenzen der Stadt sehen. Bei sehr klarer Sicht konnte man vielleicht sogar das Meer sehen. Ihr Blick streifte über die Häuser und blieb am östlichen Marktplatz hängen. Rauch kräuselte sich zwischen den Steinen durch. Und wo einst ihr Zuhause stand, lagen nur noch Ruinen. Ihr Herz wurde taub als sie an die vergangene? Nacht dachte. Wie viele waren davon gekommen? Sie hatte versagt, ihre Gilde war zerstört. Dafür würde sie sich rächen. Zornig kniff sie die Augen zusammen. Solange sie lebte, würden die dunklen Priester dafür bezahlen müssen.

Warum lebte sie eigentlich noch? Zotor hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie nicht davon kommen lassen würde. Weiße Roben, sie war im Ostturm der weißen Zitadelle. Was hatten die weißen Zauberer von ihrer Gefangennahme? Wollten sie sie austauschen für irgendwelche Vorteile beim König? Unwahrscheinlich. Dann wäre sie wohl nicht hier aufgewacht.

Sie hörte Schritte. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Sekunden später überquerte ein bewaffneter die Türschwelle, dann trat der Erzmagier ein. Er trug ein Tablett . Ein junges Mädchen legte einen Stapel Kleidung auf das Bett. Dann verschwand sie wieder und der Wächter schloss die Tür hinter sich. Sie blieb allein mit dem zweitmächtigsten Mann dieser Stadt nach dem König.

 

Annon sah sich kurz um und musterte die junge zierliche Zauberin in ihrem dünnen Unterkleid,  wie sie da stolz vor dem Fenster stand. Dann entschied er das Tablett auf den Boden neben das Bett zu stellen.

“Was wollt ihr von mir. Warum bin ich hier?”

Mut und Stolz schwang in ihrer Frage.

Annon blickte in ihre silberblauen Augen. “Dich schützen.”

“Spielen wir keine Spielchen. Ich weiß, wer ihr seid und ihr wisst, wer ich bin. Wir sind Feinde. Ich glaube euch nicht, dass ihr um meine Sicherheit besorgt seid. Also warum bin ich hier?”

Er zuckte kurz mit den Schultern. “Dennoch ist es so.”

“Warum? Sicher nicht aus purer Hilfsbereitschaft.”

“Nein. Ich habe das Chaos letzte Nacht beobachtet.”

“Beobachtet. Natürlich.” Sie verschränkte die Arme.

“Ja. Ganz besonders interessant fand ich die Tatsache, dass die Erzmagierin, als mächtigste aller schwarzen Zauberer, nach einem magischen Treffer nur noch fliehen konnte.”

“Tatsächlich!”

“Ich habe in letzter Zeit beunruhigende Nachrichten über Zedimedes Bannkristall gehört. Er soll in den Händen der dunklen Priester sein. Bis letzte Nacht hielt ich alles nur für einen Mythos. Aber jetzt.... Mit dir als lebenden Beweis...”

“Wer sagt euch, dass das der legendäre Bannkristall war.”

“Das Ergebnis legt die Vermutung nahe.”

“Und warum schützt ihr mich jetzt?”

“Ich halte dich für sehr intelligent, also schätzte mich nicht geringer ein. Solange die Kräfte eines Magiers gebannt sind, gibt es nur drei Möglichkeiten diesen Zustand zu beenden. Erstens: Die Kräfte werden wieder freigelassen. Zweitens: Der Kristall wird zerstört, und die Magie kehrt zum Besitzer zurück. Und drittens: Der Zauberer wird getötet und die gebannte Magie erlischt im selben Moment.”

Eliya biss die Zähne zusammen.

“Freilassen werden sie sie nicht und ihren Schatz zerstören werden sie auch nicht, bleibt also nur dein Tod. Und wenn die schwarzen Magier vernichtet sind, sind wir dran. Solange deine Kräfte den Kristall blockieren, sind meine davor in Sicherheit und meine Gilde unantastbar. Du verstehst jetzt sicherlich, warum ich dich schützen werde.”

“Ich bin also eure Gefangene.”

Anon seufzte. “Wenn du das so sehen möchtest.”

Finster blickte sie ihn an.

Er konnte sie verstehen. “Du kannst dich frei innerhalb dieser Mauern bewegen, wirst aber sicher fast nie allein sein. Dieses Turmzimmer ist für die nächste Zeit das deine. Ich wohne derweil einen Stock tiefer. Um nicht weiter aufzufallen, habe ich dir diese Robe bringen lassen.”

“Gibt es nichts neutraleres. Mir steht weiß nicht besonders.”

“Es ist das unauffälligste. Und du wirst es tragen, wenn du nicht so bleiben möchtest.”

Eliya errötete leicht. Ihr Unterhemd war ziemlich dünn.

“Jetzt iss erst mal. Ich hole dich später zu einem Rundgang ab.”

Dann ging er, aber sie hörte nicht, wie er den Schlüssel umdrehte. Also war die Tür offen.

[…]

Home

Biografie

Mein Angebot

Malerei

Schreibwerkstatt

AGB

Impressum

Schreibwerkstatt - Romane