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Im Auftrag des Teufels - Die Abenteuer der Märchenwalddetektei 1

Sybille Liebsch

 

Kapitel 1:

Milly starrte auf die braune kahle Wand ihr gegenüber, trommelte ungeduldig mit den Fingernägeln auf die hölzerne Armlehne und scharrte mit den Füßen. Es war unerträglich heiß und es roch seltsam. Kleine Schweißperlen glitzerten auf ihrer hellen Stirn, die von glattem rotem Haar eingerahmt wurde.

Wie lange wollte er sie noch warten lassen? Sie blickte den linken Gang hinunter, dann rechts. Überall dasselbe langweilige Bild von nacktem Stein ohne irgendeine Form von Inventar, mal von der schlichten Holzbank, auf der sie saß, abgesehen. Nichts, was auf ein bewohntes Heim hindeutete. Aber vielleicht schlief der Herr der Unterwelt ja gern auf dem Boden.

Sie stand auf und lief unruhig auf und ab. Was glaubte er, wer er war? Vielleicht hatte man sie doch hereingelegt. Die Sache war ja auch ziemlich unglaublich. Vor ein paar Stunden waren zwei kleine rote Wesen mit ledernen Fledermausflügeln, vier Pfoten und drei niedlichen Schwänzchen in ihr Büro geflattert und übergaben ihr einen Brief. Darin bat sie der Teufel zu ihr in die Unterwelt zu kommen, weil er einen dringenden Auftrag hatte, den nur die weltberühmte Märchenwalddetektivin lösen könnte. Natürlich hatte er ihr eine ordentliche Belohnung versprochen, ohne die sie nie auch nur einen Fuß vor die Tür setzte. Und da in letzter Zeit nicht viel los gewesen war, hatte Milly ihre Sachen gepackt, ihr Haus abgeschlossen und war den niedlichen Plüschtieren gefolgt. Diese hatten ein magisches Portal geöffnet und sie durch die halbe Märchenwelt ins Reich der Mitte direkt zum Eingang der Hölle gebracht. Am Höhleneingang verschwanden sie dann plötzlich und ließen sie mit einem Skelett allein. Es sah wirklich gruselig aus und nur widerstrebend war sie ihm ins Innere gefolgt, aber eine ordentliche Belohnung war eine ordentliche Belohnung.

Einige Minuten oder auch einige Stunden, ihr kam es bei der Einöde zumindest endlos vor, führte er sie durch einen Tunnel nach dem anderen, bis sie endgültig die Orientierung verloren hatte, und ließ sie letztendlich in diesem ‚Flur‘ warten. Und wie lange saß sie hier nun? Wieder eine Frage, die so stehen blieb.

Wirklich gereizt blieb sie stehen und überdachte, was sie dem Verantwortlichen antun würde, wenn sie ihn zwischen die Finger bekam. Genervt blies sie sich eine Strähne aus dem Haar, wischte sich den Film von der Stirn und lehnte sich an die Wand, von wo sie sofort zurück zuckte. Sie war glühend heiß. Also kam die Hitze von den Wänden. Zumindest würde sie nicht erfrieren, aber im eigenen Saft zu schmoren war auch nicht ihre bevorzugte Art ihre Zeit zu verbringen. Milly rümpfte die Nase. Der Geruch war einfach übel. Zwischen der miefigen Luft schwebten Nebel aus schwefligen und salpetrigen Gasen, die das Atmen schwer und unangenehm machten. Und wie sich so etwas in der Kleidung und in den Haaren festsetzte. Es würde ewig dauern das da wieder zu entfernen.

Langsam wurde sie wütend. Was bildete sich der Typ eigentlich ein, wer er auch war? Auch als Herr der Unterwelt durfte man eine Dame nicht so behandeln. Wenn er es denn war. Und die berühmte Märchenwalddetektivin schon gar nicht. Sollte sie versuchen den Rückweg allein zu finden?  Das konnte Tage dauern, oder Monate, oder für immer.

Wütend trat sie gegen die Bank, die einfach in einer Staubwolke zusammenbrach. Völlig verdutzt starrte sie darauf und ein schlechtes Gewissen machte sich breit. Das war ja nun nicht so beabsichtigt gewesen. Dann gewann wieder der Ärger die Oberhand. Sitzen war jetzt auch nicht mehr. Na toll.

Hinter ihr raschelte es. Erschrocken drehte sie sich um. Der Knochenmann war wieder da und bat sie ihm in das Büro zu folgen. Milly nuschelte eine Entschuldigung. Das Skelett schüttelte den Kopf und meinte, dass das irgendwie ständig passierte, weshalb im Flur keine Möbel mehr standen. Aha.

Kurz darauf verschob er eine Wand und ließ sie durch. Sie befand sich in einem kleinen aber hübsch möblierten Raum mit samtenen Gobelins und unzähligen Kissen und Teppichen. In der hinteren Ecke war ein großer alter Schreibtisch, an den Wänden standen Regale mit Büchern und Schriftrollen und direkt neben ihr waren weiche Sessel um einen schwarzen glänzenden Tisch aufgestellt, auf den der Knochenmann ein Tablett mit Teegeschirr und Keksen abstellte. Er goss ihr eine Tasse ein und verließ den Raum wieder.

Milly setzte sich. Schon viel besser. Sie roch an der dampfenden dickflüssigen blutroten Flüssigkeit und verzog das Gesicht. Was für ein komisches Zeug. Vorsichtig nippte sie daran und stellte die Tasse sofort wieder ab. Schmeckte genauso, wie es roch.

Im hinteren Teil des Raumes sprang eine Wand auf und ein älterer Mann trat ein. Er trug ein schlichtes schwarzes Hemd, lange schwarze Hosen gehalten von einem goldbestickten Ledergürtel und schwere Stiefel. Um die Schultern hing ein blutroter Umhang mit seltsamen Runen am Saum. Er war groß und kräftig, mit einem breiten Kreuz und klobrigen Händen. Sein markantes Gesicht mit der scharfen Knochenstruktur, der großen Nase und dem schmalen Mund wirkte streng und bedrohlich. Der Eindruck wurde durch die glühenden Augen noch verstärkt. Milly hatte das Gefühl, sie würden sich direkt in ihre Seele bohren. Sie schluckte. Der Teufel bot eine imposante Erscheinung. Kein Wunder, dass er Ehrfurcht oder Angst bei anderen auslöste. Nur eines passte so gar nicht. Auf dem Kopf trug er eine rote Wollmütze, die das ganze Bild zunichte und ihn zu einer eher lächerlich aussehenden Karikatur machte.

Der Teufel lächelte höflich und entblößte eine Reihe gerader schneeweißer Zähne. Woher kam das Gerücht von den schiefen stinkenden schwarzen Exemplaren?

„Willkommen, Märchenwalddetektivin. Ich danke dir, für dein Kommen. Ich hoffe, die Reise war angenehm und nicht zu lang.“ Er setzte sich ihr gegenüber und lehnte sich entspannt und lässig zurück.

Milly musste sich zwingen nicht auf seinen Kopf zu starren. Bei dieser Hitze war eine Wintermütze ein recht bizarrer Anblick, zumal riesige Schweißtropfen an seinem Gesicht hinab rollten. „Danke. So schnell bin ich noch nie gereist.“

Er lächelte gönnerhaft. „Es hat viele Vorteile, besonders, wenn die Zeit drängt.“

Milly runzelte die Stirn. Was konnte so wichtig sein? Und wie konnte ausgerechnet ein gewöhnlicher Mensch dem Teufel dabei helfen?

„Wie du sicher bereits erraten hast… Ich bin der amtierende Teufel.“ Er zeigte auf diverse Dokumente und Auszeichnungen, die an den Wänden hingen und seine Tätigkeit belegten.

Millys Blick flog nur flüchtig darüber. Im Hintergrund stand schon die Frage, wo und wie man eigentlich die Fähigkeiten für dieses Amt erlernte, aber sie wollte sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Trotz der angenehmen Ausstattung dieses Büros mochte sie die Hölle ganz und gar nicht und wollte so schnell wie möglich wieder aus diesem miefigen Untergrund heraus.

„Worin besteht dieser dringende Auftrag? Und wie sieht die großzügige Belohnung aus, die ihr in eurem Brief angesprochen habt?“

Der Teufel lächelte amüsiert. „Jemanden wie dich hab ich nur selten hier. Keine Zeit verschwenden. Das gefällt mir.“

Milly blickte ihn ungeduldig an.

„Schon gut“, erwiderte der Teufel schnell, „Vor drei Tagen habe ich ein rauschendes Fest zu Ehren meines 5000jährigen Amtsjubiläums gegeben mit allerlei wichtigen Gästen, Familie, Freunde, gefangenen Seelen zur Belustigung, du verstehst…“

Tat sie nicht. Sie konnte sich so gar nicht vorstellen, wie verängstigte und  gequälte Wesen amüsant sein konnten. Aber den Teufel sollte man nicht unterbrechen. Besonders nicht, wenn er bereits 5000 Jahre Erfahrung in seinem Job hatte.

„… Es war ein toller Abend. Ich hatte viel Spaß. Leider hab ich etwas zu viel von dem Lavapunsch gehabt. Ab einem gewissen Zeitpunkt weiß ich gar nichts mehr.“

Man konnte den Teufel betrunken machen. Was für eine interessante, wenn auch sehr kuriose Entdeckung.

„Irgendwann bin ich mit meiner Frau ins Bett gegangen, zumindest glaubte ich da noch, dass es meine Frau war, …“

Die Geschichte, dass der Teufel verheiratet war, entsprach also der Wahrheit… Der Teufel war nicht mit seiner Frau ins Bett… Also für Eheprobleme war Milly nun nicht zuständig.

„… jedenfalls am nächsten Morgen oder eher am späten Nachmittag bin ich allein aufgewacht und musste feststellen, dass mir meine Schönheit gestohlen wurde.“

„Eure Geliebte war also weg“, schlussfolgerte sie.

Der Teufel blickte sie verwundert an. „Meine Geliebte? Nein. Meine Haare wurden gestohlen.“

Er hatte seine eigene Schönheit gemeint. Milly musste sich zusammen reißen nicht laut aufzulachen. Imposant? Ja. Beeindruckend? Ja. Männlich? Ja. Furchterregend? Ja. Schön? Definitiv nicht. Nein. Auf keinen Fall.

„Meine goldenen Haare waren immer mein ganzer Stolz. Im Laufe der Zeit sind sie immer weniger geworden. Nur drei waren mir geblieben. Meine besten Stücke. Und jetzt sind sie weg.“ Der Teufel klang inzwischen leicht hysterisch. „Alle. Weg. Jetzt bin ich vollkommen kahl. Das ist so fürchterlich. Das ist so peinlich. Da oben bin ich jetzt entblößt, nackt, völlig.“

Jetzt verstand Milly. „Deshalb die Mütze.“

„Ja, deshalb trage ich die Mütze, obwohl ich sie nicht mag. Und ich schwitze. Das geht nicht so weiter. Ich will meine Haare zurück. Ohne meine Haare nimmt mich doch keiner Ernst. Außerdem bin ich ohne Haare einfach nur hässlich.“

Milly bezweifelte beides. Drei Haare würden das Bild sicher nicht besser machen. Und Respekt verdiente man sich damit auch nicht. Aber sie enthielt sich eines Kommentars. Ihn zu verärgern war eine denkbar schlechte Idee.

„Außerdem müsste ich zugeben, dass ich bestohlen worden wäre und… der Täter käme ungeschoren davon. So geht das nicht. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“

OK, damit hatte er Recht. Das musste selbst Milly zugeben.

„Meine Leute haben die Hölle und die nähere Umgebung abgesucht. Erfolglos. Keine Spur von meinen Haaren oder dem Täter. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Du hast den Ruf wirklich alles zu schaffen.“

Milly lächelte stolz. In vier Jahren hatte sie es zu der Märchenwalddetektivin geschafft, die nun wirklich jeder kannte. Sogar der Teufel. „Also soll ich für euch den Täter mitsamt den Haaren finden.“

„Richtig. Und das binnen zwei Wochen. Dann kommt wichtiger Besuch. Und so…“, er zeigte auf seinen Kopf, „kann ich dann nicht rumlaufen.“

Milly nickte. „Unter Zeitdruck arbeite ich normalerweise nicht. Aber ich denke, dass es hier kaum ein Problem sein wird. Der Vorfall liegt erst drei Tage zurück. Der Dieb kann also noch nicht weit sein. Es sei denn, er hätte ein Portal benutzt,…“

„Das kann ich ausschließen. Die Nutzung von Portalen steht unter strenger Aufsicht. Es wurden eine ganze Menge benutzt um die Festgäste nach Hause zu bringen, aber da hatte ich meine Haare noch. Und danach war ich der Einzigste, der welche erschaffen hat.“

„Magische Tiere, Pegasi?“

Der Teufel schüttelte den Kopf. „So was wird hier auch kontrolliert. Nichts dergleichen. Und ehe ihr fragt. Normale Tiere kommen nicht in die Nähe der Hölle. Unter keinen Umständen. Lieber würden sie sterben.“

Milly starrte ihn an. Irgendwie konnte sie das verstehen. Wenn sie an ihre eigenen Nackenhaare dachte, wollte sie auch lieber weg. „Also können wir davon ausgehen, dass der Dieb zumindest zeitweise zu Fuß unterwegs ist beziehungsweise war. Dann kann er bei drei Tagen Vorsprung noch nicht so weit sein. Da fällt mir ein: Habt ihr denn keine Sucher, die ihn aufspüren können? Mir ist, als hätte ich so was schon einmal gehört?“

„Natürlich. Und ich hab es versuchen lassen. Aber meine Haare wirken wie eine Abschirmung. Keine Chance. Deshalb habe ich ja dich gerufen. Damit du, mit deinen einfachen und gewöhnlichen Methoden, da Erfolg hast, wo meine Leute kläglich versagt haben.“

Milly blickte ihn misstrauisch an. War das jetzt eine Beleidigung gewesen? Egal. „Gut. Dann an die einfache Recherchearbeit.“

Der Teufel fand zu seiner ruhigen gönnerhaften Stimmung zurück und lächelte. „Sag mir, was du brauchst. Ich sorge für die nötige Unterstützung.“

Milly nickte. Das war vielversprechend. Kam nicht so häufig vor.

„Das Ganze bleibt natürlich streng geheim“, betonte der Teufel.

„Natürlich. Das versteht sich von selbst.“

Er war zufrieden.

„Habt ihr einen Verdacht, wer euch bestohlen hat?“ Milly kramte nach ihrem Notizbuch.

„Meine Leibwächter schwören, dass nur meine Frau meine privaten Gemächer betreten und wieder verlassen hat, während ich meinen Rausch ausgeschlafen habe. Damit war sie die Einzigste, die die Möglichkeit zu der Tat gehabt hatte. Nur, dass es eben nicht meine Frau war, sondern irgendjemand, der sich als sie ausgegeben hat.“

„Muss ja eine gute Verkleidung gewesen sein, wenn sie mehr als einen getäuscht hat.“

„Natürlich. Sonst hätte ich es sicher gemerkt.“

Im Vollrausch. Milly bezweifelte es. Sie dachte da eher an die Leibwächter. Vielleicht war auch Magie im Spiel. Aber funktionierte das bei Dämonen? Sie wusste es nicht. Von Magie verstand sie ohnehin nicht besonders viel. Und von Dämonen noch weniger. Sie kannte nur die Dinge, die sie gehört hatte. Und wie viel davon wahr war, konnte kaum einer wirklich sagen. „Und woher wisst ihr dann, dass es in der Nacht nicht eure richtige Ehefrau war?“

„Weil ich sie darauf angesprochen habe. Gleich nach Entdecken der Tat. Sie wusste aber nicht, wovon ich sprach. Und ich glaube ihr. Sie meinte das Ernst. Außerdem schläft sie immer in ihren eigenen Gemächern, wenn ich betrunken bin, weil sie mich dann nicht sehr mag. Ende dieser Unterhaltung war, dass sie böse wurde und mich angeschrien hat, mir Ehebruch vorgeworfen hat, mich mit ihrem Geschirr beworfen hat,…“

Ja, Milly kannte solche Szenen. Bei ihren Eltern war so etwas ständig vorgekommen. Sowohl der betrunkene Ehemann, als auch Ehebruch und handgreifliche Streitigkeiten. Nur das es bei ihren Eltern letztendlich meist im Ehebett endete und einmal im Jahr zu einem weiteren Geschwisterchen führte. „Schon gut, ich kann es mir vorstellen.“

„Tut mir leid. Ich wollte nicht abschweifen. Letztendlich ist sie zu ihrer Mutter aufgebrochen und seitdem weigert sie sich mit mir zu sprechen. Ich habe alles versucht.“

Milly nickte. Das kam in den besten Familien vor. Aber für Eheprobleme war sie nicht zuständig. Also schnell eine Kurve zur Tat, bevor der Teufel richtig loslegte, denn das Zerwürfnis mit seiner Frau schien ihn sehr zu beschäftigen. „Und wo wohnt eure Schwiegermutter? Ich würde mich gern einmal selbst mit eurer Frau unterhalten.“

Der Teufel lehnte sich verärgert zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er nuschelte ein verärgertes ‚Der Drache könne bleiben, wo der Pfeffer wächst‘. Dann schwieg er demonstrativ und funkelte Milly böse an. Ihr lief ein Schauer über den Rücken. OK, die Frau brachte mit Sicherheit ohnehin nichts.

„Wir können davon ausgehen, dass die ominöse Fremde das Fest genutzt hat um unbemerkt hierher und in eure Nähe zu kommen. Wahrscheinlich als einer der Gäste. Ich hätte gern eine Liste, um …“

„Ausgeschlossen“, betonte der Teufel. „Von den Gästen kann es niemand gewesen sein. Ich kenne jeden einzelnen seit mindestens 1000 Jahren. So was würde keiner tun.“

„Keiner, der vielleicht einen Groll gegen euch hegen würde?“

„Nein. Keiner.“

Milly bezweifelte es und er erriet ihrem Blick.

„Selbst wenn, dann wäre es bereits publik und ich das Gespött aller. Da das nicht der Fall ist… Und so wird es auch bleiben. Meine Gäste werden nicht belästigt.“

Das war endgültig. Milly spürte, wie sich leichter Ärger in ihr aufbaute. „Was ist mit den ‚Belustigungen‘ oder sonstigen Seelen, die ihr normalerweise so in die Hölle bringt?“

Der Teufel blickte sie fragend an. „Die sind alle genau da, wo sie hingehören. Und keiner hat meine Haare.“

„Vielleicht haben sie etwas gesehen…“

„Nein. Ich habe sie schon befragen lassen.“

„Vielleicht sagen sie mir mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass sie euch nicht unbedingt helfen wollen.“

„Sie haben alles gesagt, was sie wissen. Dafür habe ich gesorgt.“ Er lächelte und seine Augen blitzten erfreut.

Milly stellten sich die Nackenhaare auf. Zum ersten Mal bekam sie wirklich das Gefühl, dass es ein Fehler war, sich darauf einzulassen. Auf der anderen Seite würde er ihr eine Wahl lassen? „Dann will ich mit den Angestellten sprechen.“ Die wussten ohnehin meist mehr als alle anderen.

„Die wissen auch nichts. Ich habe sie selbst befragt.“

Milly war genervt. Sie hasste solche Kunden, die ihre Arbeit nur unnötig schwer machten.

„Außerdem haben sie viel zu viel zu tun, um auch nur eine Sekunde mit anderem zu verschwenden.“

Das konnte doch nicht wahr sein? Was sollte das? Milly starrte ihn entgeistert an. Wie sollte sie ein Phantom finden ohne jegliche Art von Anhaltspunkten? „Sieht bei euch so Unterstützung aus?“

Er blickte sie unschuldig an. „Was willst du? Ich tue mein bestes um dir jede Frage zu beantworten. Das würde ich sonst nicht tun.“

Er stritt es tatsächlich ab. Milly fühlte sich hilflos. Was sollte sie tun? „Kann ich mich wenigstens am Tatort umsehen? Vielleicht hat sie …“

„Nein. Da ist nichts. Ich habe bereits alles absuchen lassen. Und danach wurde sauber gemacht. Da ist nichts mehr. Und wenn meine Frau erfährt, dass ich noch eine Frau in mein Schlafzimmer gelassen habe, …“ Er schüttelte bestimmt den Kopf.

Milly trommelte unruhig mit den Fingernägeln auf den Tisch. Sie atmete mehrmals tief ein und aus um sich zu beruhigen. Wie er wollte. So konnte sie nicht arbeiten. Auf keinen Fall. Unmöglich. Sie konnte die Diebin doch nicht herzaubern. Obwohl sie schon wissen wollte, wie die Frau dieses Meisterstück vollbracht hatte, hatte sie einen Entschluss gefasst. „Sucht euch einen anderen Dummen.“

Der Teufel sah aus, als ob er zum ersten Mal in seinem Leben ein Nein gehört hatte. „Wie bitte?“

Entschieden lehnte sie sich im Sessel zurück. „Ich lehne den Auftrag ab.“

Er holte einen kleinen roten Samtbeutel aus seiner Tasche und zeigte ihr den Inhalt. Kleine glitzernde Diamanten. Der ganze Beutel war voll mit ihnen, in unterschiedlicher Größe.  „Die gehören dir, wenn du den Auftrag erfüllst.“

Milly blickte gierig auf die lupenreinen Steinchen und unterdrückte den Wunsch danach zu greifen. Sie leckte sich über die Lippen. Dann presste sie sie zusammen und schluckte. „Mit dieser Ausgangslage ist es unmöglich. Ich lehne ab.“

„Bei deinem Ruf ist das doch sicher ein Kinderspiel.“

Milly schüttelte den Kopf. „Nein.“

Jetzt wusste sie, weshalb die Welt vor ihm zitterte. Er hatte die Augen zusammen gekniffen. Sein glühender Blick bohrte sich tief in ihr Gedächtnis. Ein Nerv an seiner Schläfe zuckte wild. Der Raum schien dunkler und kälter geworden zu sein. Der Teufel war wütend. Milly fühlte nun deutlich, wie Angst und Panik in ihr entstand. Aber sie war entschlossen sich nichts anmerken zu lassen. Sie hatte schließlich nicht damit gerechnet, dass er ein Nein ohne weiteres akzeptieren würde. Aber sie würde ebenfalls nicht einfach klein beigeben.

Langsam und mit einem Tonfall, der keine Widerrede gewohnt war, erklärte er seinen Standpunkt ein letztes Mal. „Ich habe dir einen Auftrag erteilt. Und du wirst ihn erledigen. Zu meiner vollsten Zufriedenheit. Pünktlich. Innerhalb von vierzehn Tagen. Oder du wirst die Hölle nie wieder verlassen und meine Kerker kennenlernen. Und alles, was dazu gehört.“ Um seine Forderung zu untermauern fügte er noch etwas effektvolle Zauberei hinzu.

Milly befand sich plötzlich in einem anderen Raum, genauso unfreundlich wie die roten widerlichen stickigen Flure. Lava schlängelte sich in Bahnen über den Boden und erhitzte die Luft und alles andere um sie herum. Milly war an eine Wand gefesselt. Sie war so heiß, dass sie durch die Kleidung ihre Haut verbrannte. Milly bog und wand sich hin und her um dem Schmerz zu entkommen. Irgendetwas floss langsam von der Decke. Einige Tropfen zischten, als sie den Boden berührten, andere verdampften bereits in der Luft und erschufen einen dichten Nebel. Milly konnte nicht weit sehen, aber hören. Der Raum musste groß sein, denn es hallte unglaublich. Alle Geräusche schienen tausendfach verstärkt zu werden. Sie vernahm Schreie, grauenvolle Schreie, die Qual und Pein in einer Art und Weise ausdrückten, dass in Milly Panik aufstieg. Sie hörte weitere Geräusche, die sie nicht zuordnen konnte, aber ihr Gehirn baute sich fürchterliche Szenarien von Folter jeglicher Art. Sie hatte Angst, zerrte an den Fesseln, aber sie gaben nicht nach.

Dann kam ein Schatten aus dem Nebel. Milly starrte es mit weit aufgerissenen Augen an. Entsetzen schürte ihre Panik und ließ sie zittern. Das Wesen, das auf sie zukam, war riesig, hatte schillernde Schuppen am ganzen Körper und Stacheln, dazu starke Klauen mit immensen Krallen und einen langen stacheligen Schwanz. Sein Haupt war anders als alles, was sie bisher gesehen hatte, mit einer spitzen Schnauze, riesigen spitzen Zähnen und bösartig glitzernden Augen. Sie glühten, wie der Rest von ihm, denn die Schuppen schienen die Farben der Hölle widerzuspiegeln. Der Boden erzitterte unter seinen Schritten. Es war unbewaffnet, aber in Hinsicht auf sein Erscheinungsbild, war sein Körper ein einziges Folterinstrument.
 Die Panik hatte längst die Oberhand gewonnen. Alles woran Milly denken konnte, war, dass sie weg wollte. Nur weg. Aber sie war wie erstarrt.  Inzwischen war das Untier nahe genug, dass sie seinen Atem spüren konnte.
Es fletschte die Zähne und Speichel troff von der Zunge. Es sollte wohl ein Lächeln sein, denn Milly hörte eine vergnügte Stimme in ihrem Kopf. „Jetzt gehörst du mir. Ich werde viel Spaß mit dir haben.“

Konnte man noch mehr Entsetzen empfinden? Sie wusste es nicht, aber, was auch immer es war, es löste ihre Spannung und Milly begann wie wild an ihren Fesseln zu reißen. Das Wesen lachte, dann bohrte es eine Kralle in ihre Eingeweide und schnitt sie langsam und genüsslich auf. Milly schrie, betäubt von Schmerz und Agonie. Qual lief in Wellen durch ihren Körper. Immer wieder. Nichts anderes hatte mehr in ihrem Bewusstsein Platz.

So schnell wie es gekommen war, war es wieder vorbei. Milly hörte auf zu schreien, als sie bemerkte, dass sie sich wieder im Salon des Teufels befand. Unversehrt saß sie im Sessel und hatte ihre Finger in die Sessellehnen gekrallt. Sie war nicht verletzt. Alles war eine Illusion. Aber die Erinnerung an die Schmerzen hielt sie gefangen. Sie keuchte und rang um Fassung.

Der Teufel blickte sie kalt an. „Ich hoffe, wir haben uns verstanden.“ Dann warf er ihr einen der Diamanten auf den Tisch und verließ den Raum.

[…]