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Schreibwerkstatt - Romane

Aus dem Tagebuch eines Vampirs (Original in Edwardian Script)

 

Vorwort

Hallo. Ich bin Anice Moireuax, hübsch anzusehen, Anfang 20 und verwaist. Trotz intensiver Bemühungen meines Ziehvaters Lord Armand bin ich noch unverheiratet. Wahrscheinlich auch, weil ich moderne Ansichten vertrete, mich nicht unterdrücken lasse und meine Freiheit eisern verteidige. Alles Eigenschaften, die mein Arbeitgeber Thomas Boulon, vorstehender Professor für Gesellschaftskunde und Mystizismus an der Universität von Paris, besonders an mir schätzt. Seit Monaten reise ich in seinem Auftrag durch Europa um der angeblichen Existenz von Vampiren auf die Spur zu kommen und eindeutige Merkmale zu finden um diese untoten Wesen zu identifizieren. Momentan wohne ich auf zwei Zimmern in der kleinen Pension der Witwe Biedermeier, irgendwo in einem kleinen Dorf, irgendwo in der Provinz, irgendwann Mitte des 19.Jahrhunderts. Bisher bin ich nur auf wage Gerüchte gestoßen, Märchen und Aberglauben. Wie tief ich wirklich in diese Materie geraten würde, hätte ich niemals für möglich gehalten.
Und so beginnt es in einer Freitag Nacht …

 

1.Tag a.de.

Heut Morgen ging es mir schrecklich. Das heisst, es tut es immer noch. Mein Schädel dröhnt. Mann, war das eine Nacht. Kann mich gar nicht erinnern soviel getrunken zu haben. Und der Typ, den ich mitgenommen habe, ist auch nicht mehr da. Gott, war der süss. Wann hab ich ihn verloren? Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern, was nach dem Verlassen der Schenke passiert ist. Wer weiß, was ich wirklich getrunken habe. Man hört so einiges von seltsamen neuen Drogen. Nur schade, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob was mit dem Typ gelaufen ist. An seinen  Namen übrigens auch nicht. Hat er ihn mir genannt? Was soll‘s. Ist sicher gut, dass er mich nicht so sieht. Da kriegt man sicher einen Schreck fürs Leben. Schätze ich zumindest. Der Versuch mich selbst im Spiegel zu betrachten ist irgendwie fehl geschlagen. Meine Augen leiden offenbar auch unter dem Zeug, was auch immer es war. Lohnt sich vielleicht  eine neue Titelstory daraus zu machen. Mal sehen. Mmmh, bin reichlich lichtempfindlich. Hab noch vor dem Aufstehen alle Vorhänge zugezogen. Hatte das Gefühl, dass die Sonne mir Löcher in die Haut brennt. Seltsame halluzinogene Vorstellungen werden meinem unbekannten Krankheitsbild hinzugefügt. Und ich fühle mich auch sonst sehr seltsam.
Gehe wieder ins Bett. Gute Nacht

 […]

 

4.Tag a.de.

Wieder ein herrlicher Sonnentag. Wieder mehrere schmerzhafte Versuche hinter mir das Haus zu verlassen. Bin frustriert, hungrig, verzweifelt und wütend. Habe mehrere Stühle zerbrochen. Sehr ärgerlich. Musste mir dann eine lange Strafpredigt von Frau Biedermeier anhören, die  sogar meinte, dass ich meine ständigen Wutausbrüche in den Griff kriegen müsste (Frage mich immer noch, welche Wutausbrüche sie meint. Das war mein erster, seit ich hier bin), weil ich sonst  nie zu einer begehrenswerten Frau für eine anständige Ehe werden würde. Musste mich stark beherrschen ihr nicht zu sagen, dass für mich eine „anständige Ehe“  nicht aus Mann bedienen, Wäsche waschen, kochen und Kinder gebären besteht.  Diese Diskussion hätte ich ohnehin nur verlieren können. Habe ihr gesagt, dass ich den Schaden bezahlen würde (das gibt  sicher wieder eine Standpauke vom Professor wegen unnötiger Spesen) und bin wieder verschwunden. Nun sitze ich auf meinem Bett und bemitleide mich selbst. Habe immer noch Hunger.

 

5.Tag a.de.

Sonnig. Schon wieder sonnig. Beginne es zu hassen. Wie soll man so denn vor die Tür kommen? Fühle mich eingesperrt. Frau Biedermeier kommt ständig und fragt, was los sei.  Das nervt. Vor wenigen Minuten fragte sie mich, ob sie die Kräuterfrau dezent  nach einer abtötenden Tinktur für ungewollte Babys bitten soll. Auf was für Ideen kommt die denn? Ich nehme die entsprechenden Mittel davor, aber das werde ich ihr sicher nicht sagen. Gäbe wieder eine Moralpredigt über „anständige“ Frauen. Und darauf habe ich jetzt am wenigsten Lust. Würde lieber was essen, seufz. Habe noch einen Stuhl zerbrochen und angefangen Figuren aus den Stuhlbeinen zu schnitzen … mit meinen Fingernägeln. Interessant. Vielleicht...

 

6.Tag a.de.

Habe das Gefühl, dass es schlimmer wird. Aber vielleicht spielt mir der Hunger auch nur wahnwitzige Streiche. Habe eine Fliege beim Flügelschlagen beobachtet und einen Funken, wie er aus dem Kamin auf den
Boden sprang. Das Feuer brennt momentan ständig. Eigentlich ist es noch nicht  so kalt, aber ich friere ununterbrochen. Frau Biedermeier bringt mir laufend Suppe. Inzwischen ist sie der Meinung, dass ich krank bin. Höre sie ständig für mich beten (als ob das was bringt)  und für sich. (Bin mir aber sicher, dass ich nicht die  Pest hab . Aber als „anständige“, „gottesfürchtige“ Frau brauch sie sich darüber doch
keine Gedanken machen, oder?) Sie will den Doktor holen, sobald er aus dem Nachbardorf zurück ist. Ist vielleicht die erste vernünftige Idee, die sie seit einer Woche hatte.

Sitze wieder in meinem Bett und bilde mir ein dutzende kleine Schritte zu hören. Trippel, trippel. Ich halte das nicht mehr aus. Ich werde noch verrückt. Ich habe schrecklichen Hunger. Höre mich unerklärlicherweise lachen.

 

7.Tag a.de.

Ich schäme mich. Es ist widerlich. Einfach eklig. Vor lauter Hunger habe ich heute nach einer Ratte gegriffen und ein Stück aus ihr herausgebissen. Danach wurde ich so wild, dass ich sie total leer gesaugt habe. Ich war wie von Sinnen und total berauscht. Sogar die Tropfen auf dem Boden hab ich aufgeleckt. Abartig. Unmenschlich. Ich bin ein Ungeheuer. Ich ekle mich vor mir selbst. Jetzt kann ich mir nie mehr im Spiegel in die Augen sehen… Na ja, war in letzter Zeit auch so unmöglich. Wie konnte ich nur…

[…]

 

11.Tag a.de.

Heute war der Doktor da. Netter älterer Herr. Fand ihn gleich ziemlich anziehend. Muss der Hunger sein, der diese Wirkung hat, sonst stehe ich nicht auf Oldies. Es dauerte einige Minuten bis er die Untersuchung beendet hatte. Dann wunderte er  sich über meine besonders blasse Haut, die durchschimmernden blauen Adern, den langsamen Herzschlag und meine viel zu niedrige Körpertemperatur. Er meinte, dass ich mit diesen Werten eigentlich tot sein müsste. Aber da ich mich noch mit ihm darüber unterhalten kann, entspricht das wohl nicht ganz der Wahrheit. Außerdem fühle ich mich mit Ausnahme einiger seltsamer Dinge ganz gut. Er schlug dann zur Heilung Ruhe und den Aderlass vor. Habe meine Beherrschung verloren und dies auch anstandslos durchgeführt. Fühle mich tatsächlich viel besser. Aber nach dem überraschten Ausdruck auf seinem Gesicht, hatte der Doktor nicht sich mit dem Blutlassen gemeint. Na ja, er wird sich jetzt sicher nicht mehr beschweren.

Seltsamerweise verspüre ich weniger Abscheu als bei der Ratte. Andererseits war der Doktor nicht so haarig und ist vorher sicher nicht durch Unrat und Müll gelaufen. Jedenfalls hoffe ich das. Zumindest war die Ratte leichter zu beseitigen. Der Doktor lässt sich leider nicht so einfach aus dem Fenster in die Abflussrinne werfen. Mir sollte aber schnell was einfallen, denn er beginnt meine empfindliche Nase zu stören.

[…]

 

15.Tag a.de.

[…]

Der Priester kicherte. Ich nahm die Gelegenheit war ihn nach seinem Buch zu fragen. Irgendetwas über Pflanzen und ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus. Er erzählte munter von der einen und der anderen Pflanze, Blüte, Knolle und so weiter.
Ungeheuer langweilig. Ich wollte ihn gerade unterbrechen, als er von Knoblauch erzählte und wie die kleine Wunderknolle sogar vor Vampiren schützte. Doch was interessantes. Ich berichtete von meinen Forschungen im Auftrag der Wissenschaft  und bat ihn mir alles darüber zu erzählen, da ich noch nie etwas darüber gehört hatte. Er nickte und meinte freudestrahlend, dass er trotz einiger Zwischenfälle in nächster
Umgebung noch nie einen Vampir zu Gesicht bekommen hatte. Wenn er sich da mal nicht irrte. Dann lächelte er, holte eine kleine runzlige Knolle aus seinem Umhang und warf sie mir zu. Vor Schreck fing ich sie nicht auf und sie landete auf meinem Schoß. Ich starrte sie an. Ich wusste auch nicht, wie ich hätte reagieren sollen. Aber es passierte nichts. Sie brannte kein Loch in mich hinein, es fand keine seltsame chemische oder biologische Reaktion statt, sie roch nicht mal unangenehm. Vorsichtig nahm ich sie auf und gab sie dem Priester wieder. Vielleicht war sie zu alt. Ich nahm mir vor das Ganze mal allein in einem Selbstversuch zu testen.

Den Rest der Reise berichtete er mir über seine bisherigen Begegnungen mit Vampiren. In Kronenberg soll einer die ganze herzogliche Familie ermordet haben inklusive aller leiblicher Kinder. Und Gerüchten zufolge waren das recht viele. Der Herzog mochte jeden Abend eine neue Jungfrau in seinem Bett.

Ich fragte den Priester, woher Vampire nun eigentlich kämen.
Er meinte, sie würden direkt aus der Hölle entsteigen. Aha.
Na ich komme da jedenfalls nicht her. Es sei denn, man würde Paris als Vorort der Hölle bezeichnen. Oder das Dorf , dass wir, Gott sei Dank, hinter uns gelassen hatten.

 

[…]