Mein Künstleratelier

Sämtliche Bilder, Grafiken und literarischen Texte unterliegen dem Urheberrecht von Sybille Liebsch

“Blühende Landschaften”

(veröffentlicht in „Zwischendraußen“, 2005)

 

Meine Stadt. Was soll ich schreiben? Was gibt es zu erzählen?

Meine Stadt war eine große Stadt mit einem Namen, einer Geschichte, einer Zukunft.
Nun verschwinden Menschen, Häuser, Träume.

Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich Mauern, Autos, Gestrüpp und Müll.
Menschen, die zu beschäftigt sind um sich um zu sehen und andere, die zu tief unten sind um irgendetwas zu sehen.

Vereinzelt spielen Kinder zwischen den endlosen Blechansammlungen. Ihr Ball rollt hin und her, sie brüllen sich an.
Verstehen kann ich sie nicht. Junge Deutsche sind Ausländer in dieser Stadt.

 

Irgendwann ist Weißwasser nur noch ein überdimensionales Altersheim.

 

Ich sehe Häuser. Einst so stolze Gebäude starren mit toten Augen ins Leere und warten auf ihre Hinrichtung.
Wie so viele vor ihnen.
Man glaubt gar nicht mehr, wo vor nicht allzu langer Zeit noch Menschen gewohnt haben. Und dann gezwungen wurden, woanders hin zu ziehen.
Die Mehrheit wird sich ganz verabschiedet haben und niemals wiederkehren. Wie so vieles.

Über die ehemaligen Grundmauern wuchert nun das Unkraut. Die Namen sind mir unbekannt.
Passend, an die Häuser und ihre Geschichten wird sich auch niemand mehr erinnern.

 

Traurig lassen die Bäume ihre Zweige hängen. Gräser bemühen sich neben Abfall und Glas zu überleben.

Der Futterneid lässt zwei Raben ein Eichhörnchen attackieren. Hilflos versucht es zu entkommen.

Und wieder eine weiße Blüte ohne Namen.

 

Vor 15 Jahren hat Helmut Kohl blühende Landschaften versprochen.
Ironischerweise erfüllen sich diese doch.
Blühende Landschaften auf Gräbern der Vergangenheit.
Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt.

 

Zwei Häuser weiter kümmert sich eine alte Frau liebevoll um die Blumen vor ihrem Haus.
Gelbe Lilien, rote Astern, blaue Glöckchen.
Eine schwarze Katze schnurrt um ihre Beine. Abwesend streichelt die Alte über ihren Kopf. Die Szene entlockt mir ein Lächeln.

 

Vereinzelt blinzelt die Sonne durch die Wolken.

 

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