Mein Künstleratelier

Sämtliche Bilder, Grafiken und literarischen Texte unterliegen dem Urheberrecht von Sybille Liebsch

Geschlossene Gesellschaft

 

Das Radio weckte Lizzi um acht Uhr. Sie stöhnte leise. Mühselig öffnete sie die Lider und blickte an die Decke. ‘Müsste gestrichen werden.’ Nach der schrillen Stimme der Moderatorin schrillte nun “Lonely” durch den Raum, neu interpretiert und noch tränenrührender rübergebracht. ‘Hauptsache es bringt Profit.’

‘Eine wunderbare Art den Morgen zu beginnen.’ Lizzi blickte zum Fenster. Dicke Tropfen schossen aus meterdicken Wolken und trommelten monoton auf das Fensterbrett. Der Himmel drückte grau und schwer auf die Hochhäuser.

Sie grummelte und zog die Decke über das Gesicht.

“Unbreak my heart....”

‘Toll, noch besser.’ Lizzi klappte die Decke auf die leere Seite des Ehebettes, schwang die Beine über die Kante in ihre Pantoffel und drückte den Alarmknopf. Sie gähnte, stand auf und ging ins Bad.

Das Wasser lief nicht. ‘Also nicht duschen, war ohnehin keine Zeit mehr. Wenn sie keinen Termin hätte, würde sie wieder ins Bett gehen.’

Dann ging sie in die Küche, setzte das Restwasser an und schob den Toast ein. Wenigstens gab es Strom. Sie blickte in die Ecke, wo Toms Hamsterkäfig stand. Peppo schlief. Dann wanderte ihr Blick zur Uhr. ‘Zehn nach acht.’

Der Toast sprang heraus und der Kaffee war fertig. Sie schnappte sich ihre “Ich bin Künstler, aber noch lange nicht mittellos”-Tasse , den Toast und Muttis Marmelade und setzte sich an den Tisch. Sie dachte an Tom. Er war irgendwo in den Niederlanden. Den Namen des Ortes hatte sie vergessen, war ohnehin nicht wichtig. Ihr Mann ackerte dort stundenlang auf irgendeinem Bau, damit sie die Miete zahlen konnten. Nur der Firma ging es schlecht. Sie zahlte unregelmäßig. Diesen Monat kam nichts.

Das Wasser lief auch wieder nicht. Sie musste noch den Vermieter anrufen. Sie trank weiter. ‘Später, nach dem Termin beim Arbeitsamt.’ Sie blickte wieder auf die Uhr. ‘Zehn vor halb neun.’

Nach dem Frühstück trat sie vor ihren Kleiderschrank. ‘Halb Deutschland würde sagen: typisch Frau. Aber sie wünschte sich mal etwas anderes tragen zu können.’

Weitere zehn Minuten später trug sie eine schwarze Jeans mit karmesinrotem Rollkragenpulli. Sie schlüpfte in braune Kunstlederstiefel und warf sich ihren schwarzen Mantel über. Ihre blonden Haare hatte sie schnell zusammengebunden. Dann griff sie nach ihrer Tasche und den Wohnungsschlüsseln. Beim Hinausgehen warf sie einen Blick in den Briefkasten: Werbung, Werbung, Werbung und ein Brief, wahrscheinlich eine Rechnung, die sie eh nicht bezahlen konnte. Sie ging an ihm vorbei. Das nutzlose Papier konnte sie später mitnehmen.

In Gedanken konzentrierte sie sich auf das Gespräch mit ihrem Sachbearbeiter. Herr Schulze, ein Mann mit ‘adrettem Auftreten und sachlicher Überzeugung’ oder, wie sie es ausdrückte ‘mit einem Stock im Arsch und Eis im Herzen’. Sie freute sich doch immer wieder ihn zu sehen.

Lizzi ging durch die vollen Strassen. Der Verkehr rollte etwas zäher als sonst, dafür strich der Wind heute umso schneller um die Ecken. Sie schlug ihren Kragen hoch. Wenigstens regnete es nicht mehr. Ihr Schirm hätte bei der Witterung sicher nicht geholfen. Am Schaufenster des Reisebüros Schmidt blieb sie stehen und schaute sehnsüchtig auf die Bilder von Sonne, Strand und Meer. Dann fiel ihr Blick auf die roten Zahlen darunter. ‘Durchaus günstig, aber definitiv nicht drin.’

Sie ging weiter. Nach der nächsten Ecke konnte sie das Gebäude bereits sehen. Ein großes imposantes Haus aus Glas und Beton mit weißen Rollos hinter den unzähligen Fenstern und den weit sichtbaren riesigen roten Buchstaben: Agentur für Arbeit.

 

Feentanz

 

Matthias war neugierig. Oft hatte er die Geschichten gehört. Als er noch klein war, hatte seine Großmutter sie immer und immer wieder erzählt. Später dann seine Mutter. Selbst seine ältere Schwester hatte Mythen in bunten Bildern gemalt. Aber nie hatte er daran geglaubt. Er glaubte an Zahlen, Fakten und physische Gesetze, nicht an Märchen und Legenden. Und Feen fielen eindeutig in dieses Fach.

Aber jetzt war er hier. Tief im Wald, dicht am Haus seiner Großeltern, in dem Dorf am Ende der Welt. Er hatte es so genannt, weil es meilenweit von der Zivilisation entfernt lag. Hier wurde das Brot noch von Hand gemacht und das Fleisch gefüttert und großgezogen. Hier lebten nur einfältige Menschen, die sich nicht für Wissenschaft und Technik interessierten, sondern nur profan ihre Schafe hüteten oder Holz mit Äxten schlugen. Er hatte es schon früh begrüßt, dass seine Eltern lieber in der Großstadt wohnten. Seit fast zwanzig Jahren hatte er einen Bogen um diesen Ort gemacht. Und nun war er doch wieder hier. Jetzt war alles anders.

Vor einem Jahr hatte man dem jetzt 42jährigen eine vernichtende Diagnose gestellt, Lungenkrebs, unheilbar. Seit einem Jahr quälte er sich durch Medikamente und Therapien. Vor zwei Wochen war er erneut zusammengebrochen. Seine ohnehin gespannte Ehe längst zerrissen. Jetzt war Schluss. Er hatte sich entschieden nicht mehr krampfhaft davon zu laufen. Das letzte Mal packte ihn seine Neugier. Jetzt wollte er finden. Jetzt war er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, auf der Suche nach seinem Selbst und auf der Suche nach eben jenen Märchen und Mythen seiner Kindheit. Jetzt war er hier.

Er war zum Sonnenuntergang in den Wald gegangen und zur großen Lichtung geschlichen. Hier lag er nun in einem Busch, drückte sich auf den weichen Boden und betrachtete den freien Schauplatz. Knöchelhohes Gras umsäumte die Lichtung. Eichen und Buchen säuselten vor sich hin. Das Blütenmeer schlief längst. Sein Paradies strömte einen betäubenden Duft aus.

Und eben jetzt wünschte er sich, er hätte noch eine Jacke mitgenommen. Jetzt schlug fast Mitternacht und es wurde kalt. Aber er wollte nicht gehen, nicht bevor er sie gesehen hatte.

Matthias sah durch die dunklen Kronen in den nachtschwarzen Himmel. Noch verdeckten Wolkenfetzen den riesengroßen Vollmond. Er war müde. Von Zeit zu Zeit fielen ihm die Augen zu, dann weckte ihn wieder ein Rascheln in der Nähe.

Endlich war Mitternacht. Endlich zogen die Wolken fort. Das Mondlicht schwebte sacht auf die Lichtung. Strahl um Strahl ergoss sich auf den Waldboden. Und dazwischen setzten sanfte Füße auf. Federleicht stießen sich zarte durchscheinende Körper wieder vom Grund ab und glitten grazil durch die Luft. Winzige Flügelchen flatterten mal schneller, mal langsamer im Takt einer fremden Melodie. Die kleinen Wesen drehten sich munter, berührten einander und tanzten losgelöst vom Sein durch ihre bunte Welt. Sie trugen Kleider aus Blüten und Blättern. Ihre Gesichter waren fröhlich, ihre Mienen heiter gelöst. Ihr Lachen berührte sein Herz.

Zum ersten Mal in seinem Leben ließ er die Vernunft außer Acht, erhob sich und ging auf die Feen zu. Erschrocken hielten sie in ihrem Spiel inne. Ihre Gesichter waren genauso zerbrechlich wie alles andere. Spitze grazile Ohren ragten an ihren Köpfen vorbei. Große dunkle Augen glitzerten in diffusen Licht. Ein zierlicher kleiner Mund formte sich unter einer winzigen süßen Stubsnase. Sie blickten ihn an. Die Melodie war verstummt.

"Bitte, lasst euch nicht stören. Ich wollte nur..." Seine Stimme klang eigenartig rau, fremd an diesem Ort. Ängstlich wichen die Feen zurück.

Plötzlich begann die wunderschöne Melodie erneut. Aus der Masse schwebte eine Fee mit schneeweißem Haar. Es fiel lose um ihren Körper. Ihr Haupt zierte ein Reif aus goldenen Rosenblüten, wie eine Krone. Sie lächelte ihn an, während sie sang und für ihn tanzte. Die anderen Feen kicherten begeistert und begannen ihre Königin und den seltsamen Fremden zu umschweben.

Wind strich wieder Wolken über den Himmel. Der Mond löste sich vom Boden und bettete sich hinter natürlicher Watte. Die Feen kehrten in ihr Reich zurück. Als letzte blieb die Königin. Sie schwebte bewegungslos vor ihm und reichte ihm ihre Hand. Ihr Lächeln raubte ihm die Sinne. Ihre Augen versprachen seliges Glück.

Ohne sein Zutun streckte er ihr seine Hand entgegen. Es wunderte ihn nicht wirklich, dass sie genauso klein, zart und durchscheinend war wie alle Feenhände. Er ergriff ihre Finger. Gemeinsam folgten sie ihrem Volk in die Märchen und Mythen.

Zurück blieb der dunkle Wald. Und weich im Moos lag ein lebloser Körper mit einem Lächeln auf seinem Gesicht.

 

 

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