Mein Künstleratelier

Sämtliche Bilder, Grafiken und literarischen Texte unterliegen dem Urheberrecht von Sybille Liebsch

Aureole

 

Chapter 1:

Lunatic kauerte auf dem Dach, unter ihr die offene Luke ins Hafenlager. Drei ihrer Freunde befanden sich bereits im Inneren und durchwühlten Kisten und Säcke. Sie hatten den heutigen Tag für ihren Raubzug ausgewählt, weil die Mehrzahl der Bürger und Wachen auf dem Marktplatz versammelt waren.

Zur Sommerwende fand dort jährlich die Auswahl der begabten Kinder statt. Anerkannte Gutachter schätzten die besonderen Fähigkeiten der Teenager ein und verliehen ihnen farbige Armbinden, die sie mit ihren Schulen verbanden. Die zweite Prüfung bestand darin, den Weg zu finden, der mit den gleichen Farben markiert wurde. Nicht selten verkauften arme Leute Haus und Hof um ihren Kindern diese Möglichkeit zu bieten, denn wer einmal als Auserwählter benannt wurde, stand von da an über den anderen. Die Schulen waren weitgehend unabhängig vom König, seine Gerichtsbarkeit zählte nur noch bei Hochverrat.

Auch Lunatic nutzte diese Chance Freunde vom Los der Gesetzlosen, so wie sie es seit Jahren war, zu retten. Heute war Juce unter den Anwärtern. Sie hatte mit ihren 16 Jahren etwas besseres verdient als ein Leben zwischen Not, Überfällen und Flucht. Sie war mit ihrer schneeweißen Haut und den sonnengoldenen Haaren viel zu schön für Dreck, Abfall und Hinterhöfe.

Lunatic riss sich aus ihren Gedanken. Ihre grünen Katzenaugen schweiften kurz über das Hafenviertel. Kein Lüftchen bewegte sich. Das Meer glitzerte still unter dem klaren Himmel. Von weitem hörten ihre scharfen Sinne den Tumult in der City.

Kurzerhand ließ sie sich durch die Luke ins Dunkel der Halle fallen und landete sacht 4 Meter tiefer auf ihren Beinen.

„Ich wünschte, ich könnte das auch. Stattdessen muss ich immer ein Seil rauf und runter klettern.“ Loan seufzte und packte Fleisch in seine Taschen. Er bedauerte es keine Fähigkeiten als „Katze“ zu haben. Zugegeben das Sehen im Dunklen, das enorme Sprungvermögen und die Schnelligkeit auf kurzen Strecken waren wirklich praktisch. Ganz besonders als Dieb und Rebell.

Lunatic nahm ihren Rucksack vom Rücken. Sie suchte nach kleinen wertvollen Dingen, um von ihrem Verkauf Medizin zu erwerben. Sandy winkte aus einer Türloge. Sie lächelte und wedelte mit einem kleinen Ledersäckchen.

Bargeld ersparte ihnen den mühseligen Schwarzhandel. Lunatic eilte zu der kleinen Blonden. „Ich wollte eigentlich gar nicht reingehen. Was für ein Glück, dass ich es doch getan habe.“ Sandy warf ihrer Anführerin den Beutel zu. Zu leicht für Goldmünzen. Lunatic öffnete es. Funkelnde Diamanten strahlten ihr entgegen. Sie pfiff leise. „Gut gemacht. Sag den anderen, dass wir gehen. Das reicht für ne ganze Weile.“ Das Mädchen lief los, während Lunatic den Beutel mit ihren Händen abwog. Das mussten mindestens 500 Goldtaler sein. Etwas ließ sie erstarren. Ein seltsames Gefühl warnte sie. „Beeilt euch. Schnell weg von hier.“ Angestrengt lauschte sie. Klappernde Geräusche kamen stetig näher. Irgendwie kamen sie ihr bekannt vor. Ein Blick zur Luke zeigte ihr, dass die anderen fast alle auf dem Dach waren. „Loan, beeil dich.“

„Ich würde auch lieber springen.“ Angestrengt hiefte er sich aus dem Loch. Lunatic lief über die Kisten und hatte mit einem Satz seine entgegengestreckte Arme erreicht. Er zog sie hinaus und deutete auf die Hauptstrasse. Die anderen waren bereits verschwunden.

Vier berittene Soldaten näherten sich auf ihrer Patrouille. Loan spukte aus. „Ich möchte wetten, der Stiefellecker hat sich freiwillig zum Dienst gemeldet.“ Gardekommandant Mox war sehr eifrig. Seine Uniform saß immer perfekt, das Haar kurz gehalten und der Schnurrbart streng geschnitten. Während die anderen drei Blauröcke vor Langeweile gähnten, saß er kerzengerade auf dem braunen Wallach. Argwöhnisch blinzelte er mit seinen schwarzen Augen in alle Schatten.

Mit einer Handbewegung bedeutete Lunatic ihrem Freund zu gehen. Loan war noch nicht unten in der Gasse angekommen, da schallte ein wütender Befehl durch das Hafenviertel. Pferde wurden angespornt. Lunatic fluchte. Konnte dieser kleine Pedant nicht zwei Minuten warten? „Geh, ich lenke sie ab.“ Loan wollte widersprechen, aber ihr Blick verhieß das Offensichtliche. Er würde mit seinen schweren Taschen einer Verfolgungsjagd niemals entkommen.

Lunatic lief den vier Soldaten entgegen und weiter an ihnen vorbei. Sie sprang von einem  Hallendach zum nächsten, gefolgt von Hufgeklapper und Moxs wütenden Schreien. Am Ende des Hafenviertels folgten die der Armen. Enge Gassen, kleine Häuser, überall Unrat und Abfall. Lunatic entschied sich die Fluch auf dem Boden fortzusetzen. Mit ihrer Schnelligkeit war sie den Pferden zwischen den schmalen Strassen überlegen. Aber als sie um die nächste Ecke bog, blieb sie abrupt stehen. Vor ihr bogen gerade zwei weitere Soldaten in die Strasse ein. Leider war ein bekanntes Gesicht nicht immer hilfreich und so begannen sie sofort ihr zu folgen. Hinter ihr hörte sie bereits Mox. Also blieb ihr doch nur die Flucht über die Dächer. Es würde sie erheblich verlangsamen, so dass sie eine bessere Zielscheibe bot. Lunatic sprang, erwischte gerade noch die braunen Ziegel, stolperte, fing sich wieder und lief weiter. Der nächste Sprung folgte. Weitere Soldaten schlossen sich den Verfolgern an. Bolzen surrten an ihrem Kopf vorbei. Lunatic drehte sich ihnen aus der Bahn. Warum konnten sie nicht auch auf dem Marktplatz sein. Sie keuchte. Trotz der verbesserten Fähigkeiten hatte ihr Körper Grenzen. Sie musste die Jagd so schnell wie möglich beenden, sonst würde Schwäche ihre Sprünge vielleicht ins Leere führen. Auf einer Strasse zu zerschmettern gehörte nicht zu ihrer bevorzugten Todesart. Und großartige Lust sich die Kerker von innen anzusehen, hatte sie auch nicht. Zu ungemütlich und feucht für ihren Geschmack. Ein Geschoss streifte ihre Schulter. Der Schmerz riss sie in die Wirklichkeit zurück. Eigentlich wollte sie einen Kreis um den Marktplatz machen, wurde dann aber in diese Richtung abgedrängt. Haken schlagend sprang sie direkt darauf zu. Zumindest würde der Lärm der Menge den Ruf nach Verstärkung ersticken. Ihre Verfolger würden ihre Waffen wegstecken müssen und sie könnte ungesehen durch die Menschenmasse verschwinden.

Lunatic schwang sich vom First einer Apotheke, lief erst in eine Seitenstrasse um dann wieder zum Platz einzubiegen und direkt in die Menge zu laufen. Sie hörte Schreie hinter sich. Mox preschte mit seinem Pferd hinter ihr her. Die Bürger versuchten sich aus der Bahn zu drängen. Er nahm keine Rücksicht. Wer nicht schnell genug zur Seite sprang, geriet unter seine Hufe.

Lunatic lief halb taumelnd, halb schubsend weiter. Sie hatte die Orientierung verloren. Trotz ihrer 1,70 Meter konnte sie nicht über die Masse sehen. Ihr war es auch egal. Sie wollte nur weg. Plötzlich wieherte das Pferd grauenerregend. Mox brüllte. Dann hörte sie einen dumpfen Aufschlag. Die Menge hatte sich hinter ihr wieder geschlossen. Lunatic wurde langsamer. Sah sich weiter um aus Angst der Kommandant könnte jeden Augenblick hinter ihr auftauchen und sie packen. Aber sie blickte nur in fremde Gesichter. Keiner kümmerte sich mehr um sie. Sie lief weiter. Plötzlich gab der Widerstand vor ihr nach und sie fiel beinah aus der Menge. Erleichterung durchflutete sie. Sie nahm an, dass sie wieder am Rand angelangt war und nun nach Hause konnte. Aber es war ein Irrtum. Die Menschen sahen sie an. Neben ihr stand plötzlich ein Mann und ergriff ihren Arm. Erschrocken sah sie ihn an. Mit seinen blinden Augen starrte der Mönch in ihr Gesicht. Viele Falten und schlohweißes Haar verrieten sein hohes Alter. Die knöchrigen Finger schienen zerbrechlich, aber sein Griff war sehr fest. Er band etwas um ihren rechten Oberarm. Dann ließ er sie los und schritt weiter. Seine graue Robe schleifte über den Boden. Mit Entsetzen bemerkte Lunatic, dass sie zur Bühne gelaufen war und eben zur ersten Prüfung auserwählt worden war. Das rote Band der Katzen leuchtete nun an ihr.

„Sie ist zu alt.“ Ein anderer Gutachter waren gegen die Entscheidung des Blinden. Ein dritter stieß ihm in die Rippen und verbeugte sich vor dem greisen Mönch. Es war wohl ihr Meister. Lunatic war verwirrt. Sie wusste nicht, was sie von dieser Wendung zu halten hatte.  Plötzlich stolperte Mox mit zwei Wachen auf sie zu. Er hatte seinen Degen gezogen und brüllte Befehle sie festzunehmen. Im ersten Moment dachte sie wieder an Flucht. Aber hier inmitten der Masse war das ausgeschlossen. Ein Soldat trat mit einem Seil auf sie zu. Der Blinde versperrte ihm mit seinem Stab den Weg.

„Ihr kennt das Gesetz.“

Mox lief rot an. „Nein. Das ist unmöglich. Sie ist...“ Es verschlug ihm die Sprache. Drei Mönche von der Bühne stellten sich ihm ebenfalls in den Weg. Der Blinde drehte sich um und ging. Die Menge teilte sich und ließ ihn passieren. Langsam löste sie sich auf. Menschen beglückwünschten ihre Freunde und Kinder. Jubelnd fiel jemand um Lunatic. „Das ist ja Wahnsinn. Ich hab es immer gewusst. Jetzt musst du mitkommen.“

Noch immer neben sich stehend, blickte sie das junge Mädchen mit der schneeweißen Haut und der üppigen Figur an. Juce strahlte ihre ältere Freundin mit rotbraunen Augen an. Ihre blonden vollen Haare fielen ihr über die Schultern.

„Was?“

„Träumst du?“ Juce wedelte mit ihrer Hand vor ihren Augen. „Zur Schule.“

Lunatic schüttelte den Kopf. „Erst mal weg hier.“

[…]

 

Chapter 6:

Lunatic hockte auf einem Baum ganz in der Nähe der Mauer und betrachtete die Schule der Katzen. Vor knapp drei Stunden war sie vom Tempel aufgebrochen. Kallaola hatte ihr ihren Rucksack gegeben, gefüllt mit Proviant und Wasser für mehrere Tage. Dazu hatte sie ihr feierlich ein goldenes Hüftband mit ihrem neu erworbenen Zeichen umgelegt und ihr einen kleinen Brief gegeben. Er war kurz und ermächtigte sie im Namen aller Spürer zu sprechen und zu handeln. Irgendwie war Lunatic enttäuscht. Diese Unterstützung schien ihr zu gering. Die vor ihr liegende Aufgabe zu übermächtig. Aber vielleicht war es das Einzigste, was die Oberin tun konnte.

Inzwischen dämmerte es. Lunatic suchte sich eine bequemere Position und lehnte sich an den riesigen Stamm. Auf dem gesamten Weg war sie mehrmals Vollstreckern und Jägern begegnet, die offensichtlich nach jemanden suchten. Es blieben ihr keine Zweifel, wer das wohl war.

Sie beobachtete weiter die Schule. Ihre Gegner hatten in kurzer Zeit bemerkenswert viel arrangiert, um sie zu finden. Wie die Ameisen wuselten sie durch das Gelände. Einige suchten Verstecke um sie zu überraschen, andere huben Gruben aus oder legten Fangschlingen. Zu dumm, dass sich ihr Opfer bereits bestens auskannte. Sie würde mit Sicherheit nichtda hinein laufen.

Lunatic schloss die Augen. Sie würde warten bis es stockdunkel war. Dann konnte sie relativ gefahrlos in die Schule schleichen um mit den Lehrern zu sprechen. Ihr waren bereits zwei aufgefallen, die missbilligend das ganze Theater duldeten. An diese würde sie sich wenden.

Lunatic nahm sich ihren Rucksack und angelte sich ein Stück Brot. Sie hoffte, dass ihre Häscher ihre Strategie beibehielten und weiter auf dem Boden nach ihr suchten. Kämen sie auf die Idee nach oben zu sehen, könnte es gefährlich werden. Einige Vollstrecker waren in der königlichen Garde und Lunatic konnte sich gut an die Feuerbälle und Blitze erinnern. Da blieb nichts mehr übrig.

Sie gähnte. Seit zwei Tagen hatte sie nicht mehr richtig geschlafen. Vor Erschöpfung fielen ihr wieder die Augen zu. Es tat gut ihre Lieder für eine Weile zu schonen. Nur für eine Weile. Ihre Ohren und ihr Spürsinn würden schon wach bleiben. Wenig später schlief sie fest.

[…]

 

 

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